TV-Kritik

Der «Bachelorette»-Sieger

Der Glückliche ist der Älteste von allen: Er ist 47 Jahre alt und heisst Dominik Kaiser. Beruf: Gründer, Besitzer und CEO des erfolgreichen Schweizer Privatsenders 3+. Zum Gewinner später mehr.

Am Montagabend startete die 3. Staffel von «Die Bachelorette». 21 beträchtlich unterschiedlich sympathische Schönlinge, Machos und Muskelprotze zwischen 21 und 40 Jahren versuchen, das Herz von Eli Simic zu erobern. Eine hübsche 28-jährige Frau, von Beruf «Quick-Change»-Artistin (schneller Kleiderwechsel) – und Illusionistin. Hoffentlich macht sie sich keine Illusionen, was ihren Traummann betrifft.

Lange, rötlich-blonde Mähne, meerblaue Augen, tolle Figur: Simic kommt im Fernsehen trefflich rüber. Glücklich steht ihr gut. Für ihre Mundart kann sie nichts. Der St. Galler-Dialekt ist für mich neben dem Sächsischen die unsexyiste Sprechweise im gesamten deutschsprachigen Raum Europas. Meine Meinung unterschreibe ich sogar mit einem «gäggeligäle Füllfäderehalter». Dennoch: Die Zaubererin verzaubert. Schöne Männeraugen flashen sie.

Eli Simic bevorzugt ganz offensichtlich die einfachsten Dinge im Leben: Schönlinge und vermeintliche Charmeure. Sie macht sich schön, weil sie genau weiss, dass die Augen von uns Männern besser entwickelt sind als der Verstand. Nach dem Blinddate in der ersten Folge ist sie selbstverständlich noch überfragt, welchen sie will. Aber sie scheint fest entschlossen, ihn zu bekommen. Manche Kandidaten übersieht sie. Aber Vorsicht: Alle durchschaut sie. Eli verkauft sich gut: Sie wirkt natürlich, ist redegewandt, bewegt sich vor der Kamera professionell. Im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen verwechselt sie den Akkusativ nie mit dem Radetzky-Marsch. Und Eli weiss: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.

Die Kandidaten: In der Schweiz lebende Kubaner, Italiener, Spanier und andere. Wenige «echte» Schweizer. Die Alpha-Böcke haben teils sehr spezielle Berufe. Unter ihnen aber immerhin auch Handwerker. Und ein alternativer Veganer aus dem «bluemete Trögli». Mit dem Innerschweizer Zimmermann Silvan und dem Pfanzenfresser Lukas würde ich jederzeit ein Bier trinken.

Einer der Machos ist «Montagsmaler». Er brachte Eli ein Bildli mit. Ein anderer arbeitet hauptberuflich als Briefmarken-Händler und überraschte die «Bachelorette» im paradiesischen Thailand mit exklusiven Postwertzeichen. Damit hatte ich es vor über fünfzig Jahren auch versucht. Es klappte nur ein einziges Mal. Sie hiess Marianne. Vegane Pralinen gab es damals noch nicht. Einer hat seiner kinderliebenden Traumfrau Eli keim Kennenlernen indirekt schon mal stolz angedeutet, dass er imstande  ist, eine grosse Familie zu unterhalten: Er besitzt über 1600 DVD`s.

Eli Simic ist nicht sichtbar tätowiert. Aber sie steht auf Tattoos. Die meisten ihrer Anbeter haben und präsentierten reichlich davon. An eine «Bachelorette» dürfen tätowierte Männer ran. Für eine solche TV-Geschichte auf 3+ gehören auch arrogante Typen, die polarisieren. Einer tat dies schon in der ersten Folge heftig. Er ist mit seinen 40 Jahren der älteste von allen. Was Wunder, dass auch er von Eli eine Rose bekam. Aus dramaturgischen Gründen muss der noch eine Weile dabei sein.

Insgesamt: «Die Bachelorette» ist top-professionell produziert. Der Off-Sprecher liest gute Texte. Die Werbepausen und die Länge der Sendung (rund 100 Minuten) sind erträglich. Für mich war es das denn schon. Der weitere Verlauf der Reihe interessiert mich so wenig wie die Bettwäschemarke der Geissens (RTL 2). Doch viele, vor allem junge Menschen, werden wieder wochenlang viel Spass daran haben. Darüber reden. Und das ist doch gut so.

Mit einem letzten Blick auf Eli Simic ging es mir zum Schluss der ersten «Bachelorette»-Folge etwa so, wie Sigmund Freud es einst formuliert hatte: «Die grosse Frage, die ich trotz jahrzehntelangem Studium der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet:'Was will eine Frau eigentlich?'»

Reden wir zum  Schluss noch vom Schweizer Fernseh-Kaiser. Dominik Kaiser. Hut schon mal ab. 2006 hatte der Zürcher mit wenig Mitteln den Schweizer Privatsender 3+ gestartet. Vor viereinhalb Jahren lancierte er 4+. Vor knapp drei Jahren kam 5+ hinzu. Die Sendergruppe schreibt seit sieben Jahren schwarze Zahlen und ist heute gut und gerne 100 Millionen Franken wert.

Neben attraktiven Serien und Blockbusters bringt Dominik Kaiser (47) Schweizer Produktionen: «Bauer, ledig, sucht», «Bumann der Restauranttester», «Notruf», «Bergretter», «Bacholor», «Bachelorette» usw. Die beiden letzterwähnten Formate kosten pro Staffel je über zwei Millionen. Dieser grosse TV-Aufwand lässt sich mit Werbung und Sponsoring allein nicht refinanzieren. Zumal sie höchstens einmal wiederholt werden können. Dies ganz im Gegensatz zu «Bumann» & Co. Seine Gewinne steckt Kaiser gleich wieder in seine Sender. Bei der von allen angestrebten Zielgruppe, den 15- bis 49-jährigen Zuschauern, hat 3+ inzwischen meist die Nase vorn. Ganz vorn.

Der helvetische TV-Kaiser hatte von Beginn an das richtige Konzept. Für ihn ist Fernsehen ein Hit-Business. Alle anderen Schweizer Fernseh-Macher mussten ihre Sender einstellen: Roger Schawinski «Tele 24». Tamedia versenkte über 100 Millionen Franken mit TV 3. RTL und ProSieben schlossen ihre Schweizer Ableger ganz rasch wieder. Ringier hatte es schon gar nie versucht. Peter Wanner und seine AZ Medien besitzen neben den Regionalstationen die beiden nationalen Sender TV 24 und TV 25. In SRF-Sendungen, gerne an der Seite von Nationalrätin Natalie Rickli, jammert der Aargauer Verleger immer wieder über die schlechte Situation für die TV-Privaten in unserem Land. Sein Lieblingssatz in Anspielung auf die TV-Unterhaltung vom Leutschenbach: «Wir können das auch.»

Ja, ein Privater kann es: Dominik Kaiser. Wanner hätte es auch gekonnt. Vielleicht. Er hat sich hingegen entschieden, seine Millionen lieber mit dem floppenden Newsportal «Watson» zu verlieren. Die Medienbranche tippt schon eine ganze Weile: Wie lange noch? Top, die Wette gilt!


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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Kommentare

  • michael wettstein, 29.04.2017 12:37 Uhr
    Bei all den Lobhudeleien auf Herrn Kaiser wird oftmals eines vergessen: Wie Kaiser hauptsächlich an seine finanziellen Mittel kommt. Nämlich durch höchst fragwürdige call-TV/Astro-Tv-Abzockereien. Klar stellt er die Plätze Dritten zur Verfügung, trotzdem lässt er es zu, dass auf seinem Sender (vornehmlich ältere) Leute durch zum Teil knallharte, betrügerische Weise um ihr Geld gebracht werden. Und zwar über 7-8 Stunden am Tag. Das relativiert dann seine restlichen Leistungen doch wieder erheblich..
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