12.10.2017

NZZ

Ehemalige Mitarbeitende packen aus

Nach ihren Abgängen in den Ressorts Inland und Feuilleton äussern sich ehemalige NZZ-Journalisten in einem Bericht kritisch gegenüber der Zeitung. Sie verscherble ihr Tafelsilber, sagt der frühere Inlandchef René Zeller. Brigitte Hürlimann spricht von einer «Säuberungswelle».
NZZ: Ehemalige Mitarbeitende packen aus
In den Ressorts Inland und Feuilleton herrscht zurzeit ein Kommen und Gehen: Das NZZ-Gebäude an der Zürcher Falkenstrasse. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

«Die Angst geht um an der Falkenstrasse», titelt die «Wochenzeitung» in der aktuellen Ausgabe. In einem zweiseitigen Artikel schreibt das Blatt von einem «radikalen Umbau von oben» bei der NZZ. Rund die Hälfte der Inlandredaktion habe die «Neue Zürcher Zeitung» verlassen, das gleiche gelte für das Feuilleton. Die WOZ hat mit mehreren aktuellen und ehemaligen Mitarbeitenden der Zeitung gesprochen. Vier lassen sich im Artikel zitieren. Den Anfang macht die Gerichtsberichterstatterin Brigitte Hürlimann, die zudem die Personalkommission der NZZ präsidiert. Im September hat sie die Kündigung eingereicht – nach 24 Jahren (persoenlich.com berichtete).

«Was hier passiert, ist eine Säuberungswelle», sagt Hürlimann gegenüber der WOZ. Die einen würden entlassen, den anderen werde das Leben schwer gemacht, bis sie gehen. Den Dritten, vor allem den jungen Frauen, werde gesagt, sie hätten keine langerfristige Perspektive. Ähnlich äussert sich Sieglinde Geisel, die während 26 Jahren für das Feuilleton schrieb. Sie habe plötzlich ein Klima der untergründigen Angst zu spüren bekommen, sagt sie im Bericht. Die Angst korrumpiere einen schon bei der Wahl der Themen. Plötzlich überlege man sich, ob ein Vorschlag «heikel» sein könnte.

Erstmals äussert sich der ehemalige Inlandchef René Zeller kritisch zu seiner langjährigen Arbeitgeberin. «Ich bin in Sorge um die NZZ», sagt er der WOZ. «Wir sollten erdulden, dass uns jemand vor die Nase gesetzt wurde», kommentiert Zeller die versuchte Einsetzung von Markus Somm als Chefredaktor Ende 2014. Nach der Absetzung von Markus Spillmann entschied sich der Verwaltungsrat für den Auslandchef Eric Gujer als Chefredaktor. Auch Zeller hatte sich um die Position beworben. Unter der neuen Rennleitung habe sich der offene Geist verflüchtigt, sagt Zeller heute. Und: «Die Zeitung verscherbelt ihr Tafelsilber.» Mitte 2016 wechselte Zeller zur «Weltwoche» (persoenlich.com berichtete).

Als vierte Person wird Feuilleton-Chef René Scheu zitiert, er hält dagegen: «Von einer Säuberungswelle zu sprechen, ist kompletter Unsinn und unseriös», sagt er zur Kritik. Personalrotationen seien normal, wenn nach so vielen Jahren der Ressortleiter wechsle. Er treffe die Entscheide unabhängig von Anweisungen von oben. (wid)



Newsletter wird abonniert...

Newsletter abonnieren

Wollen Sie Artikel wie diesen in Ihrer Mailbox? Erhalten Sie frühmorgens die relevantesten Branchennews in kompakter Form.

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

  • Thomas Läubli, 12.10.2017 20:39 Uhr
    Natürlich ist es eine Säuberungswelle, wenn man einem Mitarbeiter eine «Probezeit» auferlegt, während der er beweisen sollte, dass er beim Schreiben von Artikeln auch die von oben gewünschte korrekte Gesinnung vertreten kann. René Scheu geht es nicht um eine anständige Kulturberichterstattung. Viele LeserInnen, die ich kenne, teilen mit mir die Meinung, dass das einst stolze Feuilleton der NZZ an Qualität stark abgegeben hat. Es stehen Belanglosigkeiten im Vordergrund, eine gewisse Scheu-Clique sorgt fürs Linken-Bashing (als ob das mit Bildung zu tun hätte) und der Kulturjournalismus wird entprofessionalisiert. So wird vermehrt über Kulturindustrie berichtet, von der man nichts lernen kann, Kunstmusik wird wie ein Mauerblümchen behandelt (CD- und Konzertbesprechungen wurden gestrichen), und unter Philosophie versteht der promovierte Philosoph hauptsächlich seine verehrte Handvoll von Populärphilosophen. Keiner von meinen 15 Leserbriefen, die diese unprofessionellen Zustände kritisieren, wurde publiziert, ja, man hat mir per E-Mail mitgeteilt, dass Kritik unerwünscht ist. René Scheu kann natürlich betonen, dass er seine Entscheide unabhängig trifft, denn er ist sich mit Eric Gujer darin einig, dass man den Kampf gegen die Institutionen führen muss, indem man die NZZ zu einem AfD- und SVP-Kampfblatt bis in die Kulturberichterstattung hinein umfunktioniert. Ich hoffe, dass sich das viele LeserInnen nicht gefallen lassen und wie ich mit einer Abbestellung quittieren.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Anzeige
Zum Seitenanfang