14.10.2017

Zurich Film Festival 2017

«Die Leute sollen sich selber durchbeissen»

Er hat für «A River Below» am Zurich Film Festival letzte Woche den Publikumspreis gewonnen: Der amerikanische Regisseur Mark Grieco. Sein Film beleuchtet die Frage, wie weit Journalisten gehen sollen für eine gute Sache.
Zurich Film Festival 2017: «Die Leute sollen sich selber durchbeissen»
Nach der Vorführung beantwortet Regisseur Mark Grieco in der Frauenbadi Zürich Fragen des Publikums. (Bild: eveni.to)
von Edith Hollenstein

Herr Grieco, handelt es sich bei Ihrem Film eher um eine investigative Recherche oder um eine Reportage?
Weder noch. Ich nenne meinen Film lieber ein Geständnis. Beim Enthüllen der Story, kam ein viel Dramatischeres Ergebnis zu tage als ich zu Beginn erwartetet hatte. Im Film geht es nun hauptsächlich um die Rolle der einzelnen Beteiligten und noch wichtiger: um die Frage nach den Konsequenzen dessen was sie tun. Der Film ist also ein Geständnis, von mir als Filmemacher und zwar zur Frage, was nötig ist für eine gute Story.

Worum sollen sich die Zuschauer am Schluss am meisten sorgen: Um den Amazons, den bedrohten Delphin, die Biodiversität, politischen Aktivismus oder um Probleme im modernen Medienzeitalter?
Die kurze Antwort lautet: Es geht um all diese Themen. Und das ist genau der Punkt: Ich will dem Publikum nicht vorschreiben, was sie vom Film mitnehmen. Ich will, dass sich die Leute selber durchbeissen, so wie ich das getan habe, während den Arbeiten zum Film: Sie sollen sich mit denselben Fragen und Konflikten auseinandersetzen. Meiner Ansicht nach darf ein Dokumentarfilm, der eine solche Geschichte im Grenzbereich zwischen Recht und Unrecht aufzeigt, am Schluss nicht einfach perfekt aufgehen. Erst wenn sich die Leute über genau diese Fragen den Kopf zerbrechen, ist eine sinnvolle Debatte möglich. 

Sie und Ihre dreiköpfige Crew sind ebenfalls im Film zu sehen und werden damit Teil der Geschichte: Ist das ein Trend im modernen Dokumentarfilm?
Dokumentarfilmer haben sich schon immer in ihren Filmen gezeigt. Einige scheuen sich, ihre Präsenz und ihren Einfluss auf die Geschichte transparent zu machen, andere stehen hin und sagen laut und deutlich: «Ich bin Teil davon, also hier bin ich». Schwierig ist, die eigene Rolle sinnvoll und eingebaut in die erzählte Geschichte transparent zu machen – und nicht einfach irgendwie hintenherum auf selbst-referentielle Art und Weise.

Wie wollten Sie das tun?
Ich kam durch Zufall zu dieser Story, die genau das aufzeigt, was meine ganz persönlichen Selbstzweifel sind. Also die Zweifel, die man hat als Dokumentarfilmer in Bezug auf die Wirkung und die vermeintliche Wahrheit von Bildern, den Einfluss der Medien, die Verzerrung der Wirklichkeit und die Performance für die Kamera. Wenn wir jedoch einen Schritt zurücktreten, unsere persönlichen Frames bewusst hinterfragen, treffen wir auf eine Realität, die sehr unbequem sein kann. Und in meinem Fall stellte sich die Frage: Wenn der Film nach der Wahrheit hinter der Kamera fragt: Müssten nicht auch die Filmmacher selber gradstehen für diese Frage? 

Wie lange arbeiteten Sie an diesem Film?
Drei Jahre.

Wie erfuhren Sie, dass mit dem vom brasilianischen TV in der Sendung «Fantástico» gezeigten Film etwas nicht stimmt (siehe Trailer unten)?
Als ich dieses Filmmaterial das erste Mal gesehen hatte, blieben für mich zwei Fragen offen: Erstens, wie konnte jemand diese armen Fischer davon überzeugen, eine solche Straftat zu begehen und einen Flussdelfin zu töten? Und dies vor laufender Kamera in HD-Qualität? Zweitens, wer sind diese Profis, die diese Fischer gefilmt hatten?
 

Und wie gingen Sie vor?
In den ersten Wochen beim Drehstart im Amazonas besuchte ich viele Fischerdörfer und sprach mit den Leuten. Off the record und hinter vorgehaltener Hand zweifelten viele. Sie fragen sich, wie das Filmmaterial über die Delfintötung zu Stande gekommen war. Dies geschah vollkommen ohne Anstoss und immer wieder. So wusste ich, dass ich hier tiefer graben musste.


Ursprünglich wollten Sie eine Dokumentation über den rosa Flussdelphin machen. An welchem Punkt realisierten Sie, dass Sie den Fokus ändern müssen?
Nun ich muss hier klarstellen: Ich wollte nie einen Film über den rosa Flussdelphin machen. Ich wollte einen stärker fokussierten Film machen und zwar darüber, wie die Naturschützer im Amazonas für das Überleben der Flussdelfine kämpfen. Dabei wollte ich die ethischen Konflikte thematisieren, die es gibt, wenn man einen bestimmten Wandel erreichen will. Doch als mir dann mehrere Fischer erzählten, dass irgendetwas seltsam sei mit diesem Tötungsvideos, änderten wir den Fokus.
 

Wie finanzierten Sie diese aufwändige Recherche: Wurde der Film von Stiftungen oder von staatlicher Filmförderung unterstützt?
Nein, der Film ist vollständig privat finanziert.
 

Gab es keine Probleme mit den Geldgebern als Sie beschlossen, den Fokus neu zu setzen?
Ich hatte zu Beginn keine Ahnung und konnte mir überhaupt nicht ausmalen, wohin diese Geschichte führen wird. Als die Dinge ihren Lauf nahmen und ich beschloss, den Film mehr auf Richard Rasmussen zu fokussieren und seine Verbindung zum Tötungsvideo, standen die Investoren und Produzenten voll und ganz hinter mir. Es gab aber auch keinen Zweifel: Wir waren an einer unglaublichen Story und diese entwickelte sich direkt vor unseren Augen. Wir mussten ihr einfach nur folgen.

 

Was war im ganzen Prozess besonders schwierig?
Darüber will ich lieber nicht sprechen. Lieber und viel mehr möchte ich anerkennen, welch grosses Risiko jede einzelne im Film vorkommende Person einging. Ihr Vertrauen in mich und darin, dass ich ihre Geschichte fair erzähle, so kompliziert und kontrovers sie auch ist, kann nicht genug geschätzt werden.

 

Ihr Film wurde am Tribeca Film Festival gezeigt und vorletzte Woche am Zurich Filmfestival. Wann kommt er nach Brasilien oder Kolumbien?
Wir hatten einige Vorführungen in Kolumbien am IndieBo Film Festival in Bogotá. Fernando Trujillo war dort, um mit dem Publikum zu sprechen. Das Echo war extrem gross. Wir arbeiten nun daran, den Film in Kolumbiens Kinos zu bringen. In Brasilien reichten wir den Film an den São Paulo und Rio de Janeiro Film Festivals ein. Beide lehnten ihn ab.

 

Warum?
Das ist schwierig zu sagen. Denn es lässt sich nicht voraus zu sehen, nach welchen Kriterien ein Festival programmiert wird. Aber um ehrlich zu sein: Unser gesamtes Team war schockiert als wir erfuhren, dass der Film nicht akzeptiert worden war. Richard Rasmussen ist ein extrem bekannter TV-Star in Brasilien und der rosa Flussdelfin ist ein vom brasilianischen Volk heiss geliebtes Tier mit Kultsymbol-Charakter. Damit ist klar: Das würde doch Besucher anlocken und die Festivals könnten Tickets verkaufen. Aber wahrscheinlich ist Brasilien, mit all den Kontroversen im Land derzeit nicht bereit, sich mit einem weiteren, sehr unangenehmen Thema auseinanderzusetzen. Und der Film bietet nicht einfach eine klare Antwort, sondern wirft unbequeme Fragen auf. Vielleicht ist das alles zu heikel momentan. Ich bin aber enttäuscht, dass wir den Brasilianern diese Geschichte nicht erzählen dürfen. Denn ich glaube, sie verdienen es wissen, und sich ihre Gedanken machen zu dürfen.

 

Anlässlich der Diskussion am Zurich Film Festival fragten Sie ins Publikum, wer so gehandelt hätte wie Richard Rasmussen. Und Sie: Was ist Ihre Meinung?
Auf die Gefahr, dass Sie mir vorwerfen, einfach auszuweichen: Ich will meine Meinung nicht sagen. Was ich aber sagen kann: Ich verstehe Richard voll und ganz und ich kann mich mit seiner Leidenschaft für den Naturschutz identifizieren. Er steht für viele von uns, für die Apathie, für unsere Politikmüdigkeit. Ob ich denke, dass ein so radikaler Ansatz wie derjenige von Richard nötig ist? Manchmal ja. Ob ich denke, das radikale Lösungen unerwartete Konsequenzen haben, die am Ende konterproduktiv sind zu dem, was wir ursprünglich anstrebten? Ja, immer.

 




a river below

«A River Below» handelt vom Amazonas, wo man die rosafarbenen «Boto»-Delfine immer seltener zu sehe bekommt. Der Grund ihres Verschwindens ist absurd: Ihr Fleisch lockt eine bestimmte Fischart an, mit der in Südamerika ein Millionengeschäft gemacht wird. Die toten Delfine dienen nur als Köder. Zwei Männer versuchen dieses Vorgehen zu bekämpfen: In Brasilien sorgt der übermütige Aktivist und Wildlife-TV-Star Richard Rasmussen für skandalöse Schlagzeilen, während der kolumbianische Biologe Fernando Trujillo Regierung und Medien mit alarmierenden Fakten konfrontiert. Doch die Mission beider hat einen hohen Preis: Die Existenz der Menschen im Amazonasgebiet.

Mark Grieco arbeitet als freischaffender Filmemacher und Fotograf. Er ist spezialisiert auf Menschenrechte und Gerechtigkeit in der globalisierten Wirtschaft. (pd/eh)


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